Ein bisschen gleicht das Gefühl, was man bekommt, wenn man ein Set von Ninze & Okaxy hört, jenem, was man erlebt, wenn man nach einer durchtanzten Nacht auf einem Festival in der Sonne liegt, eine Zitronenlimo in der Hand. Erschöpft, aber zufrieden. Entspannt, nicht zwangsläufig müde. Man wippt mit dem Fuß, nimmt das Gras unter sich als angenehm kühl wahr, Gespräche verschwimmen. Oder, wenn man die Augen schließt, kann man sich vorstellen, zu schweben, Raum und Zeit verschmelzen.

Zu esoterisch? Technischer ausgedrückt bewegt sich die Musik der beiden Jungs im Slow House Bereich, seit einem Hashtag auf Soundcloud allgemein bekannt als „Ketapop“.

Dass die beiden sich schon beinahe ihr ganzes Leben lang kennen, sorgt dafür, dass ihre gemeinsamen Sets und Auftritte durch und durch harmonieren. Seit ihrer frühen Jugend machen sie gemeinsam Musik. Elektronisch war es nicht von Beginn an, zuerst spielten sie in einer Indierock- Band. Später begannen sie, zu experimentieren, Gitarren- und Keyboard-Sounds wurden zunehmend mehr vermischt mit elektronischen Klängen.

Die Entwicklung Ninze und Okaxys, auf jeweils ihrem eigenen Weg, zog sich über ungefähr zwei Jahre hin, bis sie beide in Leipzig wohnten und sich darauf konzentrierten, mehr gemeinsame Projekte zu starten. Vom Tempo her haben sie sich irgendwo in der Mitte zwischen Dub und House getroffen, inzwischen bezeichnet man ihre Musik manchmal auch als „Schneckno“. Dass sie in ihrer Jugend viel Indie und auch Punk gehört und auch selber gemacht haben, hört man ihren Sets dahin gehend an, dass die Reinheit des synthetischen Sounds durchsetzt ist mit organischen Tönen wie orientalisch angehauchten Vocals. Nach wie vor sehen sie ihre Musik als experimentell, nicht zuletzt deswegen, weil sie sich immer wieder neu von den Artists inspirieren lassen, die sie aktuell gerne hören. Das ist dann auch gerne mal Jazz, Slow Blues, oder Weltmusik.

Sie haben bereits in Clubs auf verschiedenen Kontinenten gespielt, verlieren jedoch ihre Wurzeln und Leipzig nie aus den Augen. Nicht zuletzt, weil sie bereits so viele Vergleichsmöglichkeiten hatten: Die Clubszene in Leipzig sei einzigartig, hinsichtlich der Atmosphäre beim Feiern, aber auch von den politischen Konzepten her.

In und um Leipzig haben Ninze und Okaxy seit drei Jahren zahlreiche Projekte am Laufen, so beispielsweise die Partyreihe „In höchsten Höhen“ oder ihr Label Lush Life, sowie das Projekt Wide Awake. Außerdem sind sie Teil der „Reich & Schön“ – Crew, das Festivalkollektiv mit dem alles begonnen hat.

Ninze und Okaxy, 25 und 24 Jahre jung, heißen eigentlich Julian und Tom. Die musikalische Arbeit, egal in welcher Form, macht einen Großteil ihres Lebens aus.
Wie es zu ihrem Alter Ego kam, warum sie die politische Clubkultur Leipzigs so schätzen und was es für sie bedeutet, in so vielen unterschiedlichen Ländern in Clubs zu spielen, erzählen sie im Interview:

Wie ist es zu eurem jeweiligen Alter Ego, Ninze und Okaxy, gekommen?

Tom: Julian hat einen Namen für sein Musikprojekt gesucht und hat mich gefragt, was ich cool finde. Ich hab gesagt: „Minze, das klingt irgendwie angenehm.“ Julian mag aber keine Minze, generell. Deswegen hat er sich dann Ninze genannt. (lacht)

Und ich mache nebenbei auch Street-Art und habe dafür irgendwann mal einen Namen gesucht, nen Tag, den ich verwenden kann. Da kam mir durch Zufall der Name  “Okaxy” in den Sinn, das fand ich auch von der Form her schön.

Wie seid ihr, einzeln oder zusammen, zur Musik gekommen?

Tom: Es hat damit angefangen, dass Julian und ich uns schon im Sandkasten kennengelernt haben, als wir ganz klein waren. Wir spielen ja immer noch gerne dort. (lacht) Irgendwann fingen wir an, uns intensiver mit Musik auseinanderzusetzen, von Hardcore/Punkrock bis zu Indiepop. Es hat nicht lange gedauert, bis die eigene Band gegründet wurde. Bis wir 18 waren spielten wir beide in mehreren Bands, sind viel getourt und haben die Provinz unsicher gemacht. (lacht) Naja so hat das alles angefangen. Später sind wir viel gereist, haben uns recht selten gesehen, dennoch blieb die Musik unser ständiger Begleiter.

Julian: und dann haben wir angefangen mehr elektronische Musik zu machen. Es war schwierig, wirklich was zusammen zu produzieren, weil ich zu der Zeit in Wuppertal gewohnt habe und Tom in Leipzig – deswegen hat sich das mehr aufs DJ-ing reduziert. Und jetzt, da ich auch in Leipzig bin, ist es eben einfacher geworden.

Wo würdet ihr euch denn musikalisch einordnen?

Julian: Also ich würde sagen, dass wir uns eigentlich nicht unbedingt einordnen können, es sind so viele verschiedene Einflüsse und Bezeichnungen, aber es spielt irgendwo im experimentellen House/ Hip-Hop-Bereich.

Tom: Früher haben wir schneller aufgelegt, so bei 120 bpm, und das wurde dann immer langsamer. Julian war mit seiner Dub-Musik irgendwann extrem langsam, und irgendwie haben wir uns dann in der Mitte getroffen. Und entwickeln uns ja immer noch, nach wie vor. Das ist halt das Problem der Kategorisierung. Wir haben es erst mal „Ketapop“ genannt, weil wir den Begriff auch lustig fanden, passend zu der Atmosphäre, die entsteht – nur als Hashtag auf unserem Soundcloud-Profil. Wir werden tatsächlich darauf angesprochen, egal wo wir sind und auflegen, die Leute identifizieren diese Musik mit dem Begriff.

Gibt es noch andere erwähnenswerte Einflüsse?

Julian: Ich denke, erst mal ganz viele Freunde die auch Musik machen, wie Rampue, die gesamte Laut&Luise Rasselbande, Nu , Mira und Chris Schwarzwaelder oder auch Guenther Lause. Ansonsten viel Musik, die gar nicht unbedingt was mit elektronischer Tanzmusik zu tun hat

Tom: Zur Afterhour hören wir zum Beispiel ganz viel Jazz. Oder Slow Blues, das feiern wir ziemlich. Ich persönlich höre zum Beispiel kaum schnellere Sachen oder viel elektronische Musik. Ich denke, größtenteils beeinflussen uns unser Freundeskreis und die Umgebung, in der wir uns bewegen. Ich liebe Sets von Canson, Oceanvs Orientalis oder Thomash. Momentan kommt diesbezüglich ganz viel aus Südamerika oder zum Beispiel aus der Türkei. Zusaetzlich hat uns sehr die Bekanntschaft mit Niju gepraegt, mit welchem wir das Projekt “WIDE AWAKE” ins Leben gerufen haben.

Ihr seid ja nun beide auch schon sehr viel rumgereist und habt unterschiedliche Clubs gesehen. Wie nehmt ihr die Clubszene in Leipzig wahr? Vielleicht auch eben im Vergleich zu all den anderen Orten.

Tom: Also wir sind echt glücklich darüber. Es gibt superviele Künstler/innen, die wunderschöne Musik machen, aber eben nicht die Möglichkeit haben, das einem so großen Publikum zu präsentieren. Wir sind in dem letzten Jahr, zusammen mit Niju, durch Südamerika und die USA getourt und durften auch immer mehr europäische Länder besuchen. Realisieren konnten wir das alles bis heute noch nicht. Wenn man an einem Wochenende mehrere Städte besucht, geht alles meistens viel zu schnell.

Mich persönlich prägen immer die Menschen, wie sie eben so feiern, wie sie sich geben, wie die Gruppendynamik ist. Ich finde auch recht interessant, wie schnell die Tür- & Clubpolitik über eine gute oder auch schlechte Party entscheiden kann. Das ist nicht länderabhängig, auch wenn man nach Berlin feiern geht, mit den Menschen abhängt, ein Gefühl bekommt, wie sie wohnen und leben – dann ist Leipzig schon wieder ganz anders. Auch musikalisch gesehen.

Julian: Ich finde, dass Leipzig vom Clubfeeling her eher introvertiert ist, aber auf 'ne angenehme Art und Weise. Ich gehe aber auch gerne in Berlin oder Zürich feiern, wo die Stimmung eher extrovertiert ist, nach meinem Empfinden. Es hat beides seine angenehmen Seiten, aber auf jeden Fall bemerkt man eben einen Unterschied. Und eben auch das Politische, wie z.B. der Club  Institut fuer Zukunft in Leipzig mit einem bisher noch einzigartigen Safer-Clubbing Konzept, da könnten sich einige eine Scheibe von abschneiden.

Tom: Ja also da gibt es echt krasse Unterschiede. In Leipzig kann ich jeder Zeit zur Security gehen, oder zur Bar... selbst die Person, die neben mir tanzt. Wenn man sich unwohl fühlt, merken das andere sofort, achten darauf, was in der Situation passiert. Das finde ich total schön. Wenn man dann in andere Städte fliegt, kann das genau so sein aber es gibt oft keine gute Balance zwischen Hedonismus & Rücksicht.

Und unabhängig vom Club und der Stadt, was ist für euch ein gelungener Abend hinter dem DJ-Desk?

Tom: Ich glaube für uns ist es ein gelungener Abend, wenn wir mit einem positiven Gefühl die Party verlassen und es der Crowd gefallen hat.

Julian: Dito. Es ist auch immer sehr schön, wenn es mal keine technischen Schwierigkeiten gab, wir die Leute erreichen konnten und die Anlage geil eingestellt war... aber am allermeisten freue ich mich auf meinen warmen Kakao zu Hause. (lacht)

Gesprochen habe ich mit den beiden in Toms WG. Limo auf dem Tisch, Zigarette in der Hand, ein riesiger Schreibtisch voll mit DJ-Equipment, daneben steht eine Gitarre. Die Einflüsse ihrer Südamerika-Tour spiegeln sich nicht nur in ihrer Musik wieder, auch in ihrer Einrichtung. Die Harmonie, die ihr Ketapop in einem auslöst, findet man auch in der entspannten Art und Weise wieder, wie sie Menschen begegnen. Das Duo schafft es, mit ihrer Musik ein Zugehörigkeitsgefühl entstehen zu lassen, was über den Abend im Club oder das gemeinsam auf der Wiese liegen hinausgeht.

© Paula Charlotte

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